Eckfahne

"Spiel doch einfach Tischtennis, mein Kind!" Mit diesen Worten lassen die Sportfreunde Stiller die akademisch angehauchten Eltern ihren Nachwuchs wissen, was sie von der "Lümmelsportart" Fußball halten. Eine elterliche Einstellung, die ich bislang stets nach­vollziehen konnte. Und die offenbar mehr und mehr in Frage gestellt wird.

Dass Fußballwissen gut für die Karriere sein kann, hat bereits Ralf Bürkle  in seinem Gastartikel bei Karrierebibel sehr lesenswert ausgeführt. Ich selbst habe dergleichen bislang vor allem als unterhaltsames Bonmot wahrgenommen, aber so langsam verdichten sich auch für mich die Indizien, dass der Fußball in der Geschäftswelt fester verankert ist als es zunächst den Anschein hat.

Ich persönlich habe eigentlich nie einen echten Bezug zum Fußball gehabt, was zum einen daran liegen mag, dass ich in einer Handball-Familie groß geworden und bin und zum anderen an mangelnden regionalen Bezugsgrößen - Göttingen 05 war genau eine Saison lang in der zweiten Bundesliga als diese noch in Nord und Süd unterteilt war und hatte als größten Erfolg einen Beinahe-Sieg gegen den HSV im Pokal vorzuweisen (...Hannover 96 und Wolfsburg taugten in den 80ern auch nicht gerade als Fanmagnete).

So richtig stutzig bezüglich der Gültigkeit meines sportiven Weltbildes wurde ich dann, als eine neue Kollegin die Frage nach dem Stand der Fußballbegeisterung in die Runde der männlichen Kollegen warf und dazu nur gleichgültiges Kopfschütteln erntete. Dazu klagte am selben Tag meine 8-jährige Tochter, dass man sie in der Schule beim Fußball nicht mehr ins Tor ließe, weil sie nicht genügend Bälle hielte und fragte mich dazu um Rat (für ein paar Grundlagen hat es dann glücklicherweise noch gereicht). Ein kurzes Umschauen ohne meine üblichen Ballsport-Scheuklappen brachte dann noch so manchen Augenöffner mit sich:

Mehr und mehr fielen mir auch die entsprechenden Kommentare bei der wochenendlichen Twittersichtung auf, wo gestandene Geschäftsleute in Echtzeit die Ereignisse der Spiele ihrer Lieblingsmannschaften verkündeten und kommentierten - und auch bei Facebook bot sich mir ein durchaus vergleichbares Bild. Und einer meiner Kollegen hat (in seiner Eigenschaft als Musiker aus Leidenschaft) sogar eine Hymne an seinen Lieblingsklub aus Nürnberg aufgenommen.

Der Fußball war wohl immer da - vor allem in den Herzen der Menschen, die er berührte - verstärkt in den Blick holt ihn wohl vor allem die Welt der Sozialen Netzwerke. Die für viele Außenstehende oft befremdlich wirkende Vermengung von privaten und geschäftlichen Meinungsäußerungen wirkt sich auch darauf aus, was als "akzeptables" Bild der eigenen Vorlieben öffentlich gemacht wird. Natürlich hat der Fußball diesbezüglich bereits eine Vergangenheit kultureller Akzeptanz, doch die beschränkte sich weitgehend auf andere Gesellschaftsgruppen und schloss Akademiker und Frauen größtenteils aus. Ist der demographische Wandel bei der Fußballbegeisterung nur ein Nachhall der letzten WM oder wird man demnächst bei Managerseminaren in Übersee lernen, wie man "auf Schalke" sagt?

Bis dies geklärt ist, halte ich es weiter mit den Sport­freunden aus München, die auch für den Wirtschafts­sektor geradezu visionäre Weit­sicht bewiesen: "Für unsere langen Wege aus der Krise und aus der Depression lautet die Devise: Nichts wie rauf auf den Fußball-Thron!"