Talent Mining
2010-06-10
Der "War for Talents" ist zwar nicht abgeblasen worden, aber ganz so ernst scheint ihn derzeit niemand zu nehmen, als gäbe es eine Feuerpause oder einen Waffenstillstand zwischen den durch Krise und Abnutzung gebeutelten und erschöpften Kontrahenten. Dies schien auch bereits beim XV. „Interdisziplinären Salon für Europa“ zu eben diesem Thema Konsens zu sein. Vor allem aber ist die relativ entspannte Einstellung zu zukünftigen Personalengpässen wohl der sehr kurzfristigen Besetzungsstrategie vieler deutscher Unternehmen geschuldet, wie etwa Michael Ensser (Egon Zehnder International GmbH) anführte.
Dabei zeichnet sich die nächste nachhaltige Verknappung von Spezialisten und Facharbeitskräften bereits ab. Ein Indiz dazu: So konnten etwa Positionen für Entwicklungsingenieure in der Raumfahrt mangels eingehender Bewerbungen nicht besetzt werden, so dass sich der Recruiter sogar fragte, ob die Positionsbeschreibung nicht "spannend" genug klingt. Wie nervenaufreibend muss eine Stelle dann noch ausgeschrieben werden, um in der Umgebung Stuttgarts derartige Arbeitsplätze besetzen zu können?!?
Das sind die ersten Anzeichen, dass der "Burgfriede" sehr bald vorbei sein dürfte. Damit wäre dann auch Schluss mit dem Luxus der ad-hoc Besetzung und eine zumindest mittelfristig vorausschauende Personalplanung zur Pflicht für alle sensiblen Sektoren. Und zu mittel- wie langfristigen Personalplanung muss auch die Personalentwicklung gehören, um so mehr als dass die demographische Entwicklung eindeutig die Verschärfung der Verknappung aufzeigt.
Und in ähnlicher Weise, wie man zum "Urban Mining" greift, um Alternativen zur Beschaffung immer knapper werdender Rohstoffe zu erschließen, müssen auch die Human Ressources alternative Strategien fahren. Das wäre dann quasi ein "Talent Mining" zur vollständigen Erschließung der bereits vorhandenen Ressourcen.
Ganz im Sinne Erik Händelers möchte ich für die Arbeitswelt der (nahen) Zukunft eine unbedingt notwendige Kultur des lebenslangen Lernens propagieren. Und dies kann und und darf nicht nur Sache der Arbeitskräfte sein, die ihren eigenen "Marktwert" aufrecht erhalten müssen. Eine solche Haltung werden sich Unternehmen ebensowenig leisten können, wie eine pauschale "Fortbildungsentsendung" zu Seminaren, an deren Sinn, geschweige denn Erfolg sie ohnehin kaum glauben. So wie auch unsere Schule mehr und mehr Abschied von strikt formalisierten Lernformen wie dem Frontalunterricht nimmt, muss auch das betriebliche Lernen auf eine neue, tragfähige Grundlage gestellt werden.
Eine Schlüsselfunktion kommt hierbei der Motivation zur selbstbestimmten und selbstverantworteten Weiterbildung zu. So werden die ohnehin nicht zentral planbaren multiplen Bildungsprozesse der sich stets wandelnden Berufswelt dezentralisiert. Mitarbeiter müssen von sich aus - bewusst und unbewusst - Gelegenheiten zum Erwerb von neuem Wissen wahrnehmen und dieses selbständig vernetzen und in Bezug zu ihrer jeweiligen Arbeitswelt setzen.
Wichtige Eckpunkte für die betriebliche Steuerung wären Initialisierung, Festlegung von Kernaufgaben, Dokumentation und Anerkennung.
Mitarbeitern muss vermittelt werden, dass diese Weiterbildung von ihnen erwartet wird und dass diese Tätigkeit vom Arbeitgeber im gleichen Maße anerkannt und belohnt wird wie es dem Mitarbeiter selbst nützt - auch über das aktuelle Anstellungsverhältnis hinaus. Diese Anerkennung muss sich zunächst fühlbar niederschlagen - als Freizeitausgleich oder andere Vergünstigung mit unmittelbarem Bezug zur Fortbildung (Lernmaterial, Zugang zu Medien oder Hardware).
Damit der von Arbeitgeber gewünschte Lernerfolg eintreten kann, muss er ein "Gerüst" oder einen "Rahmen" zur Verfügung stellen, in dem einerseits definiert wird, was als Schwerpunkt gelernt werden soll und wodurch andererseits eine Struktur zur Organisation neu erworbenen Wissens geliefert wird. Dieses Gerüst auszufüllen kann dann gleich mit der Dokumentation der jeweiligen Lernanstrengungen einhergehen, wobei größter Wert auf die Anerkennung "informeller" Lernsituationen (Fernsehdokumentationen, Austausch in Foren und Netzwerken) gelegt werden sollte.
Ziel ist dabei ebenso der Erwerb neuer Informationen wie die Aneignung und vor allem Verinnerlichung von Lerntechniken, die lebenslang praktiziert werden. Die Zukunft braucht mehr neue Lernstrukturen - neues, immer schneller veraltendes Wissen häuft sich schon genug an.